Zwischen 32.000 Kreuzen:
Jugendliche stellen sich der grausamen Vergangenheit
Von Janine Lehleiter (Schwäbische Zeitung)
Im Rahmen einer Projektwoche der Helene-Weber-Schule in Bad Saulgau erleben Jugendliche erneut Geschichte hautnah und gehen selbst auf Spurensuche.
Ein Kreis von Jugendlichen, gehaltene Hände, ein Meer aus grauen Grabkreuzen. Dieses Bild zeigt sich am Montagmorgen auf einer Leinwand einer Bad Saulgauer Schule, begleitet von bedrückender Musik. Es verdeutlicht, was im Klassenzimmer kaum zu vermitteln ist: Geschichte wird lebendig, wenn man sie dort erlebt, wo sie geschehen ist.

Geschichte lebendig werden lassen
„Ein Bild oder Video kann das gar nicht transportieren, was es mit uns macht, wenn wir wirklich dort sind“, sagt Markus Barg-Rothmund, Lehrer an der Helene-Weber-Schule.
Der deutsche Soldatenfriedhof in Ysselsteyn ist der einzige seiner Art in den Niederlanden – rund 32.000 Gräber zeugen von einem düsteren Kapitel der Vergangenheit. Für den Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge ist er ein zentraler Ort der Begegnung und Bildungsarbeit. Gemeinsam mit der Helene-Weber-Schule im Kreisberufsschulzentrum und dem Arbeitskreis „SLG – Spuren Lebendig Gemacht“ entstand eine Projektwoche, die Geschichte greif- und berührbar macht.
Bereits im vergangenen Jahr waren Schülerinnen und Schüler im Rahmen des Seminarkurses dorthin gereist. Nun startet die Kooperation in die zweite Runde. Bei der Auftaktveranstaltung am Montag waren neben Volksbund-Präsident Wolfgang Schneiderhan auch Stadtarchivarin Mary Gelder, Michael Skuppin, Fotograf Wolfgang Jung und Künstlerin Anca Jung anwesend. Markus Barg-Rothmund sowie sein Kollege Michael Ulrich begleiten das Projekt.
Warum dieser Ort wichtig ist, machte Stadtarchivarin Mary Gelder deutlich: Die 32.000 Kreuze stünden für ebenso viele persönliche Geschichten – und die Gefallenen seien meist kaum älter gewesen als die Jugendlichen, die am Montagmorgen vor ihr saßen.
Die Erfahrungen des ersten Jahres zeigen, wie tief solche Begegnungen wirken können. Der Schüler Daniel Graf entdeckte in der Datenbank des Besucherzentrums einen Namen, der ihm vertraut vorkam: Otto Neumann – es war tatsächlich sein Ururgroßvater, der mit 44 Jahren starb und von dessen Grab niemand in seiner Familie gewusst hatte. Ein Moment, der nicht nur bei ihm für Gänsehaut sorgte.
Eindrücke wirken nach
Dass die Auseinandersetzung weit über die Projektwoche hinaus wirkt, zeigt auch die Abiturientin Lola Schlewek. Sie wird nach ihrem Abschluss ein Freiwilliges Soziales Jahr in Ysselsteyn absolvieren.
Wie im vergangenen Jahr gibt es wieder Freiräume, um das Erfahrene zu verarbeiten – auch künstlerisch. Beim ersten Mal entstand dabei unter anderem ein Triptychon aus drei Malereien, die „Mut“, „Freiheit“ und „Verbindung“ symbolisieren. Die Werke sind nun als Dauerleihgabe im Foyer der Helene-Weber-Schule zu sehen, das dazugehörige Schild wurde am Montag offiziell enthüllt.
Michael Ulrich hat für die zweite Runde des Projekts den Kontakt zu einer niederländischen Partnerschule aufgebaut, mit der die Saulgauer Schülergruppe vor Ort gemeinsam aktiv sein kann. Über das Programm „ERASMUS+“ lassen sich dadurch EU-Fördermittel generieren.


Gesicht und Namen geben
Volksbund-Präsident Wolfgang Schneiderhan brachte schließlich mithilfe zweier Kurzfilme die Anliegen der Organisation näher: Der Volksbund gibt Gefallenen Gesicht und Namen, Angehörigen einen Ort zum Trauern und jungen Menschen einen Raum zum Lernen – so etwa im kommenden Jahr in Ysselsteyn.
So zeigt die Projektwoche, dass Erinnerungskultur mehr sein kann als Gedenken. Sie verbindet Generationen, macht Geschichte greifbar und schenkt den Verstorbenen ein Stück Identität zurück. Das Ziel aller Beteiligten ist es übrigens schon jetzt, das Projekt fest zu etablieren und jährlich an diesen Ort zurückzukehren.
URL: https://www.schwaebische.de/regional/sigmaringen/bad-saulgau/zwischen-32-000-kreuzen-jugendliche-stellen-sich-der-grausamen-vergangenheit-3966160
6. Oktober 2025
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